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Rotkäppchen oder
Klüngeln mit Feen, Wölfen und anderen
Gerda Laufenberg
Immer wenn Rotkäppchen an ihre Zukunft dachte, sah sie
dunkel. So dunkel wie der Wald, in dem sie mit ihrer Großmutter
wohnte. In diesem Dunkel wollte sie nicht länger leben,
jedenfalls nicht, solange es dort so elend langweilig war. Aber
die Fee hatte vor unendlich lange Zeit eine Nutzungsverordnung
aufgestellt, die jede Entwicklung verhinderte.
Also packte Rotkäppchen ein Körbchen voll mit Rotwein
und Kuchen und marschierte los in Richtung Stadt zum Büro
der Fee. Unterwegs traf sie den Wolf. "Rotkäppchen,
du bist so schwach, laß mich an deiner Seite gehn und
auch mal in dein Körbchen sehn."
"Ich bin weder klein noch schwach. Ich kann Karate und
englisch, verdufte, ich hab es eilig!"
Der Wolf zog seine schnuppernde Schnauze zurück. Diese
Frauen heute, immer so schrecklich selbstbewußt...
So kam Rotkäppchen unbehelligt bei der Fee an. Die Sekretärin
trat ihr entgegen. "Hallo, Rotkäppchen, du hast hoffentlich
einen Termin, denn die Fee ist sehr beschäftigt."
Rotkäppchen hatte keinen Termin, sie kannte die neuen Gepflogenheiten
noch gar nicht. "Oh, das ist aber schade, dass ich jetzt
meinen schönen Kuchen wieder nach Hause tragen muß",
sagte sie und hob ein wenig das Tuch von der Pflaumentorte,
damit der Geruch sich ordentlich ausbreiten konnte.
"Ich sehe gerade, da ist noch ein Terminchen frei",
flötete die Sekretärin und holte drei Teller. Die
Fee trat ein. Rotkäppchen begrüßte sie erfreut:
"Liebe Fee, ich muß dir gratulieren! Deine perfekte
Büroorganisation - und so flexibel... Übrigens, sehr
angenehm, diese Stadtrandlage!"
Die Fee nahm das Lob geschmeichelt an. "Jaja, auch als
Fee muß man mit der Zeit gehen. Meine Geschäfte verlagern
sich immer mehr nach außen. Aber bitte, setz dich."
Rotkäppchen schnappte sich den Stuhl direkt neben der Fee,
die Sekretärin stellte den Kuchen auf den Tisch und blieb.
Sie plauderten über das Wetter und die Großmutter,
dann steuerte Rotkäppchen ihr Thema an.
"Der dunkle Wald" - sie betonte jetzt jedes Wort -
"ist ein großartiges Terrain für viele frischlufthungrige
Stadtbewohner". Sie beugte sich etwas vor. "Deshalb
müssen wir auch hier mit der Zeit gehen!" Die Fee
guckte irritiert. Rotkäppchen holte tief Luft.
"Ich komme aus dem Wald, ich bin für den Wald und
ich kenne alle, die im Wald wohnen. Deshalb weiß ich,
wovon ich spreche: Man darf den Wald nicht länger für
Wohnzwecke missbrauchen. Was ich damit sagen will..." Rotkäppchen
kramte Pläne hervor. "Wir sollten gemeinsam über
eine Nutzungsumwandlung nachdenken. Erhalt des Waldes statt
weiterer Zersiedelung durch Zwerge, Räuber, Hexen und Märchenprinzen.
Umzug dieser Bewohner an den Stadtrand und Umwandlung des freien
Waldes in einen attraktiven Märchenwald." Der skeptische
Ausdruck im Gesicht der Fee war unübersehbar. Rotkäppchen
setzte nach. " Ich habe Kontakt zu Hänsel und Gretel,
die stellen ihr Hexenhäuschen gern für nachmittägliche
Besichtigungen zur Verfügung. Ich kenne auch die Zwerge,
den Hasen und den Igel - sie alle wären für das Projekt
zu gewinnen!"
Die Skepsis im Gesicht der Fee blieb. Da rückt Rotkäppchen
mit dem Hauptargument heraus: Was dich betrifft, so könnte
ich mir nächtliche Aufführungen von Feentänzen
auf der Lichtung vorstellen. Die Leute werden von überall
herkommen. Vielleicht könntest du auch Kurse geben..."
Das saß. Gut besuchte Kurse und nächtliche Auftrittsmöglichkeiten,
das würde dem etwas dahinsiechenden Feengeschäft Aufschwung
bringen. Und nur um zu zeigen, dass Rotkäppchen vielleicht
doch nicht an alles gedacht habe, meinte sie abwehrend:"
Alles schön und gut, aber der Wolf wird Schwierigkeiten
machen. Er macht immer Schwierigkeiten..."
Rotkäppchen beruhigte sie: "Man muss ihn nur zu nehmen
wissen. Wenn du ihn in den Beirat nimmst und ihm die Verantwortung
für die Sicherheit im Wald überträgst, wird er
mit Begeisterung dabei sein."
Die Fee war endgültig überzeugt. Rotkäppchen
packte den Wein aus, sie tranken auf den Wald, auf den Wolf
und auf alle, die mitmachen würden und als Rotkäppchen
sich verabschiedete, bedauerte die Fee nur, dass niemand ihr
vorher gesagt habe, welch kluge Pläne Rotkäppchen
unter ihrer Kappe entwickele.
Eben drum hat Rotkäppchen es ihr selbst erzählt. |
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